Temple university in winter

Temple University. Wintersemester 2019



Temple University, Philadelphia, USA | Wintersemester 2019 von Maria Klenner

Als Geburtsstätte der Vereinigten Staaten von Amerika und zweitgrößte Stadt an der Ostküste ist Philadelphia täglich Faszination und Herausforderung zugleich. Ich war am Anfang meines Auslandssemesters an der Temple University recht überwältigt von hohen Preisen, krasser Armut und hoher Kriminalität, dem offensichtlichen Rassismus in der Gesellschaft, dem vergleichsweise großen Campus mit Fastfood-Ketten, Banken, Cheerleader-Shows, Uni-eigenem Merchandise-Shop mit Temple-Branding – kurzum, ich war überwältigt von America. Trotz meiner europäischen Sozialisation, die sich sehr an den USA orientiert, war ich erstaunt, wie fremd es sich dann doch anfühlte, hier zu leben. Doch ich empfing dies als willkommene Herausforderung und habe in den Monaten tieferes Verständnis entwickeln können – in Bezug auf die amerikanische Gesellschaft, ihr Selbstverständnis und ihren Platz in der Welt.

Sehr zu Hilfe kamen mir dabei die Kurse, die ich an der Temple Universität belegt habe und in der mir Dozenten und Studierende ausnahmslos offen und hilfsbereit den Weg in die amerikanische Gesellschaft erleichtert haben. Das akademische Niveau ist herausragendund durch meinen Status als graduate Studierende hatte ich Zugang zu Seminaren mit anderen graduates oder sogar PhD-Studierenden. Der Workload ist höher als an deutschen Universitäten, schriftliche Arbeiten sind fast wöchentlich einzureichen und die Abgabetermine habe ich als strikter wahrgenommen als in Deutschland. Dadurch ergibt sich aber auch eine wunderbare Produktivität und Schreibblockaden treten weniger häufig auf.
Die Atmosphäre in den Kursräumen im angelsächsischen Stil ist lockerer und lebhafter, als ich es von deutschen oder anderen europäischen Universitäten kenne – dadurch war stets für anregenden Austausch gesorgt, ohne Bewertung oder Vorurteile konnte über jedwedes Thema diskutiert werden. Dies ist eine Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin unddie ich hoffentlich in zukünftige Projekte und interdisziplinäre Kooperationen tragen kann. Zusätzlich zum inhaltlichen Erörtern von Themen rund um die amerikanische Geschichte, Erinnerungs- und Museumskultur und Feminismus und Gender Studies, habe ich persönlich enorm von dem regelmäßigen Verfassen englischer Hausarbeiten profitiert. Immer wieder wurden Studierende auch ermutigt, gegenseitig ihre Texte zu reviewen und zu editieren, was ich sprachlich sowie inhaltlich als enorm bereichernd empfunden habe und was mir zudem mehr Sicherheit im Kommunizieren von Kritik gegeben hat. Mehrmals nahm ich auch am kostenlosen Tutoring der neu eröffneten Charles Library auf dem Hauptcampus teil, in dem man mit Studierenden der Englischen Literatur oder verwandter Bereiche eine Stunde langpersönlich über eigene Texte sprechen und deren Feedback und Korrekturen erhalten kann. Die Universitätsbibliothek umfasst ein Angebot an Literatur und anderen Medien, das alles mir Bekannte übertraf – sollten Bücher nicht vor Ort zur Verfügung stehen, konnten sie inden meisten Fällen ohne Aufpreis und automatisch online aus Bibliotheken in der näheren Umgebung (zum Beispiel New York) bestellt werden und waren dann meist innerhalb weniger Tage im Regal, aus dem man die mit seinem Namen versehenen Exemplare selbst herausnehmen kann.

Philadelphia ist wunderbar grün, auch der Campus ist weitläufig gestaltet und in den wärmeren Monaten fand sich immer ein Platz, um im Schatten oder der Sonne bei einem leckeren Kaffee Kurstexte oder auch mal die neueste Publikation des Lieblingsautoren zulesen. Bei Einbruch des Herbstes und bis zu den Prüfungen kurz vor Weihnachten zog ich mich zum Arbeiten dann meist in die gemütliche Bibliothek zurück.